a) Von der sittlichen Güte.
§. 68.
Vor Allem soll man hier wissen und ja nicht übersehen, dass es sich hier um die Charakteristik der sittlichen Güte handelt, welche dem noch unverdorbenen Menschen, gleich allen anderen unverdorbenen Naturwesen, noch unbewusst eigen ist, d. h. sich eines Motifs dafür nicht bewusst ist, so dass von einem Gebote einem Moral-Geselz, einem sittlichen Imperativ noch gar keine Rede ist, sondern das, was der Mensch hier thut, thut er lediglich, weil er nicht anders kann und weil sein psychischer Selbsterhaltungstrieb sich dabey wohl befindet, dieser auch noch so energisch ist, dass er ein Bedürfniss nach solchen Handlungen hat, ohne dass sie ein Verdienst hätten, denn was der Mensch aus einer Art Instinct thut, ohne Opfer etc., ist kein Verdienst, ohne jedoch aufzuhören, sittlich zu seyn b).
Fragen wir nach dem Princip dieser instinctmässigen sittlichen Güte oder der Liebe, so finden wir es einfach in dem obersten christlichen Moral-Gebote ausgesprochen: liebe deinen Nächsten wie dich selbst und thue ihm alles, was du willst, dass er dir thue c); denn handelt der Mensch so, so thut er sich selbst, seinem natürlichen Selbsterhaltungstriebe, keinen Zwang an und fördert dennoch durch seine Handlungen das Wohl seiner Mit-Menschen d).
Eine blos doctrinelle, nicht aber eigentlich praktische Unterscheidung ist es, wenn man sagt, es erweise und spreche sich die sittliche Güte oder Liebe nach zwey Seiten aus
α) in Beziehung auf sich selbst, als sittliche Selbstbeherrschung und
β) in Beziehung auf unsere Mit-Menschen, denn keine dieser beiden Seiten ist ohne die andere vorhanden, sie fallen in der Praxis als etwas unbewusstes völlig zusammen, wie das Folgende zeigt.
a) Alle Moral-Codexe, alle religiös-moralischen Gebote der positiven Religionen etc. datiren erst vom Verfalle her, sind erst mit oder nach ihm entstanden. Vorher ist und war die Moral noch eine ungeschriebene, erst mit dem Verfalle wird sie eine geschriebene. Es geht damit wie mit dem subjectiv Rechten, das freilich mit der Moral identisch ist Erst nach dem Verfalle wird es aufgeschrieben und die Gesetze verwandeln es in Gebote oder Zwangs-Recht. Daher nehmen auch alle positiven Religionen einen moralisch-disciplinaren Charakter an und der Glaube selbst hat die Wirkung, dass das Verhältniss, in welches sich der Mensch dadurch zum Göttlichen bringt, ihn zu guten Handlungen antreibt, um sich dadurch die ewige Seeligkeit zu sichern.
b) Daher ist die Mutter-, die Elternliebe etc. etwas natur-sittliches, ohne ein Verdienst zu seyn.
c) Noch schöner, als dieses Gebot selbst, ist der Commentar, welchen Paulus in dem ersten Briefe an die Korinther c. 13 von der Liebe giebt. Leider sagte er aber alles dieses tauben Ohren, denn ersprach zu bereits verfallenen Völkern. S. weiter unten.
d) “Die Tugend ist einem jeden Egoismus (Selbsterhaltungstriebe) verwandt, welcher seine Befriedigung nur in dem Wohle Anderer finden kann”. Zachariä, I. c. VI. S. 28. Der Selbstsüchtige sieht seine Mit-Menschen nur als Mittel für seine persönlichen Zwecke an, der sittlich gute Mensch sieht sich dagegen nur als einen Theil des Ganzen an, findet darin seine Befriedigung, sey dieses Ganze nun eine Nation oder ein Staat. Eine Sittlichkeit ausser allem Rapport mit dem Selbsterhaltungstriebe ist unter Menschen nicht gedenkbar, wäre gar keine mehr. Jede widernatürliche Unterdrückung des gesunden Selbsterhaltungs - und Fortpflanzungstriebes wäre auch eine unsittliche, der Selbstmord wäre sittlich nicht zu tadeln etc. Schon hieraus ergiebt sich aber, dass die weitere Entwickelung der sittlichen Güte, als etwas durchaus praktisches, allererst bey der Gesellschaft- oder Staatslehre als Patriotismus, Gemeinsinn etc. erschöpfend Platz finden kann, da sie die Basis der ganzen politischen Gesellschaftslehre bildet. Nur die wesentlichen Elemente können und müssen schon hier angedeutet werden, ihr Zusammenwirken erst im 3ten Theile.
α) Von der sittlichen Selbst-Beherrschung.
§. 69.
Die sittliche Selbstbeherrschung strebt unbewusst und ein für alle mal nach sittlicher Beherrschung auch des gesunden Selbsterhaltungstriebes, sobald er mit dem Wohl des Nächsten in Conflict kommen sollte, aber ohne sich eines besonderen selbstischen Zweckes, eines besonderen daraus erwachsenden Vortheiles oder Verdienstes bewusst zu seyn, sondern eben nur aus Instinct für das Sittliche und Gute und findet auch hier schon eine belohnende Genugtuung in der Erreichung ihres Strebens a). Natürlich beherrscht denn der sittliche Mensch namentlich auch das psychische Begehren nach Reichthum oder den Selbsterhaltungstrieb in Beziehung auf das Haben etc. insofern, dass er für seine Person wenig bedarf, weil er schon im Allgemeinen ein uneigennütziger Mensch ist b) und nur zum Besten seiner Mit-Menschen sich wohlhabend wünscht und es zu werden strebt, um ihnen desto wirksamer dienen zu können c) und ihnen als ein Fauler, Armer nicht selbst zur Last zu fallen d).
a) Es giebt auf Seiten eines Menschen keinen grossern Dünkel, als den, er sey ein Heiliger; denn gerade, dass er sich beständig casteit und den schönsten Freuden des Lebens entsagt, beweisst, dass er keiner ist. [size=150]Ein wahrer Heiliger wäre nur der, welcher bis an sein höchstes Alter die Unschuld eines dreijährigen Kindes behielt, denn gerade die Unschuld, die sich ihrer selbst unbewusste sittliche Güte und Liebe, rechnet sich diese auch nicht als ein Verdienst an. Ein Kind ist noch ein Natur-Heiligthum und an ihm können wir lernen, was die Menschen waren und sind, wenn sie noch in unbewusster Unschuld leben.[/size] Wir sollten uns daher alles Moralisirens gegen gut geartete Kinder enthalten, sondern umgekehrt von ihnen lernen, was wahre natürliche sittliche Güte ist. Daher sagte auch Christus: so ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen.
b) “Das sittliche Bewusstseyn ist ein Gesetz der Uneigennützigkeit. Diese ist überall die unerlässliche Grundlage einer guten Gesinnung. Da aber dem physischen Daseyn die Uneigennützigkeit unmöglich ist, so muss sie auch in den höheren Anlagen gegründet seyn, durch welche der Mensch einer andern als der physischen Welt angehört”. “Eine völlig absolute Un-Eigennützigkeit giebt es aber nicht und kann es nicht geben, sondern nur eine relativ-menschliche, denn in das reinste sittliche Wollen mischt sich wenigstens das Streben nach dem schönen Genüsse der Selbstzufriedenheit”. Bouterwek. Ja man glaubt oft ganz treuherzig für Andere zu arbeiten, ohne wahrzunehmen, dass man doch eigentlich nur für sich thätig ist. In der That “ist es aber auch Pflicht, mit Verachtung jedes unedlen Lebensgenusses, sich den edlen zu gönnen, ohne welchen die Tugend nur eine Last und Plage seyn und der höhere Zweck unseres Daseyns in contradictorischen Widerstreit mit dem natürlichen sich selbst aufheben würde”. Ja absolute Tugendhaftigkeit oder Sittlichkeit, ohne alle menschliche Fehlerhaftigkeit, würde für die Dauer den Menschen eben so widerstehen, wie der Genuss lauter absoluter Nahrungsstoffe ohne alle Beimischung fester nicht nahrhafter Theile, das ganze Menschenleben, als solches, würde stille stehen. Die moralische Beherrschung des unfreien Selbsterhaltungstriebes wird vollends ganz unnatürlich, naturwidrig z. B. durch das naturwidrige Gelübde absoluter Keuschheit und Ehelosigkeit, so lange die Natur die Befriedigung des Geschlechtstriebes noch fordert. Ein solches Gelübde macht die Uhr stille stehen, statt sie blos zu reguliren.
c) Das materiell Nützliche soll überall nur Mittel zum Zweck seyn, nicht Selbstzweck, dieser kommt nur der Sittlichkeit zu. “Die äusseren Güther sind nur Werkzeuge, Mittel zum Zweck. Die Güther der Seele hingegen sind durch sich selbst dem Menschen nützlich und sind es also desto mehr, in je grösserem Maase sie vorhanden sind, wenn es anders erlaubt ist, den Namen des Nützlichen auch auf sie anzuwenden, da man sie gemeiniglich nur als Vollkommenheiten und Schönheiten der Seele zu denken gewohnt ist”. “Alle äussern Güther sind nur schätzbar um der Seele und um des Einflusses willen, den sie auf dieselbe haben. Alle Vernünftigen werden sie also nur deshalb begehren, um in der Seele dadurch gewisse Empfindungen und Gedanken hervorzubringen, nicht umgekehrt”. Aristoteles VII. 1. Die Güther des Lebens machen den Sittlichen wohl glücklicher, aber nicht glücklich. Auch der sittliche Mensch soll übrigens klug handeln, um zu seinen Zwecken zu gelangen.
d) Daher das Unmoralische des Bettels, wenn er auf Faulheit beruht und sich der Bettler geradezu der Gesellschaft als eine Bürde aufdringt, was diese denn auch berechtigt, den faulen Bettler zur Arbeit zu zwingen.